Das Schlaraffenlatein
Wer zum ersten Mal mit Schlaraffen zu tun hat, stolpert meist nicht über Rittermäntel oder Zeremonien, sondern über Wörter. Da wird nicht gegangen, sondern geritten. Nicht gegessen, sondern geatzt. Und Briefe kommen nicht per Post, sondern als Sendboten.
Die Schlaraffen pflegen bewusst eine eigene Sprache. Sie greift auf mittelalterlich anmutende Begriffe zurück und ist Teil des ritterlichen Spiels. Diese Sprache soll nicht ausschließen, sondern Abstand schaffen – Abstand zur profanen Welt, wie der Alltag im schlaraffischen Sprachgebrauch heißt.
So wird aus der Sitzung eine Sippung, aus dem Sitzungsraum die Burg. Die Mitglieder heißen Sassen, Gäste reiten ein, Getränke werden gelabt, und wer krank ist, leidet an einer Bresthaftigkeit. Bezahlt wird mit Mammon, bestraft mit einer Pön – meist eher symbolisch als schmerzhaft.
Auch der familiäre Kreis bekommt eigene Bezeichnungen. Die Ehefrau ist die Burgfrau, der Sohn ein Knäpplein, die Tochter eine Burgmaid. Selbst die Schwiegermutter ist nicht vergessen und firmiert mit liebevoller Ironie als Burgschreck. All das gehört zum Spiel und wird mit einem Augenzwinkern gebraucht.
Besonders farbig wird die Sprache bei Essen, Trinken und Musik. Bier heißt Quell, Wein Lethe, Champagner Schaumlethe, und getrunken wird aus dem Humpen. Eine Geige wird zum Seufzerholz, das Klavier zum Clavicimbel, die Trompete zur Drommete. Musik, Texte und Vorträge heißen gemeinsam Fechsungen – ganz gleich, ob sie gesprochen, gesungen oder gespielt werden.
Auch moderne Dinge bekommen schlaraffische Namen. Das Auto wird zum Benzinroß, das Telefon zur Quasselstrippe, das Flugzeug zum Flugroß. Fotografien heißen Lichtbilder, der Weihnachtsbaum wird zum Uhubaum, und selbst das Weltall existiert als Uhuversum. Sogar Zeit und Kalender folgen eigenen Regeln. Die Jahre werden anno Uhui (a.U.) gezählt, Monate heißen Monde, und das Jahr gliedert sich in Sommerung und Winterung.
Das klingt zunächst kompliziert, ist aber vor allem eines: konsequent durchgespielt.
Diese Sprache ist kein Geheimcode und kein Zwang. Niemand wird korrigiert, niemand bloßgestellt. Man wächst hinein, lernt nebenbei – und darf sich auch versprechen. Wichtig ist nicht die perfekte Anwendung, sondern das gemeinsame Spiel.
Die schlaraffische Sprache ist damit mehr als ein Gag. Sie ist ein Werkzeug, um für ein paar Stunden anders zu sprechen – und damit auch anders zu denken.
Und spätestens wenn jemand fragt, ob man noch einen Quell laben möchte, ist man mittendrin.
